Dicke Dinger! (Technik: Mikuni, CR, Keihin) PDF Drucken E-Mail

Dicke Dinger

Für die Fourbesitzer, die auf absoluten Originalzustand ihrer Maschine bestehen, wird es immer nur den originalen Keihin-Vergaser geben. Vernünftig restauriert und eingestellt, läuft das Motorrad damit, mal mehr, mal weniger gut.

Aber ausgeschlagene Schieber, Chokeklappen und Gestänge, Düsennadeln und Führungen, aufgeblühtes Aluminium durch falsche Reinigungsflüssigkeiten von Vergaserbädern oder altes, abgestandenes Benzin und Falschluft durch Undichtigkeiten machen uns Klassikerfahrern zunehmend das Leben schwer.

Viele von uns wollen auch irgendwann etwas mehr Leistung und Fahrbarkeit, damit sie auch mit Sozia und/oder Gepäck besser im heutigen Verkehr mitschwimmen können, oder nicht immer das Schlusslicht in der übermotorisierten Clique sind und erst am Ende der Zigarettenpause auf der Alpenpasshöhe ankommen.

Einige von uns bauen sich Caféracer oder sind auf Rennstrecken in Klassiker-Rennserien unterwegs.

Natürlich will nicht jeder gleich seinen kompletten Motor zerlegen, aufbohren, mit anderer Nockenwelle versehen, oder die Einlass- und Auslasskanäle bearbeiten lassen.

Der schnelle Weg für ein paar mehr Pferdestärken geht am einfachsten über einen Tuningvergaser. Draufstecken und gut - … so sollte es eigentlich sein.

Nachdem ich einige Jahre auf verschiedenen Motorrädern verschieden große Keihin CR-Rennvergaser gefahren bin, auf der Straße wie auch auf der Rennstrecke und damit mehr oder weniger gute Erfahrungen gesammelt habe, bin ich jetzt bei einem 32er Mikuni TMR-Vergaser gelandet. Daher jetzt mal ein kleiner Vergleichstest zwischen den Originalen, CR 31 und Mikuni TMR-Vergasern.

Beschreibung der einzelnen Vergasertypen in CB 750 Fours:

Original K1-K6/F1-Vergaser

28er Rundschiebervergaser, mechanisch betätigt

Einzige Vorteile: läuft (meistens) und originales Aussehen

Leistung am Hinterrad bei einem guten Motor: 48 – 50 PS

Original K7 und F2-Vergaser, getestet an einer F2

(ja, ich weiß, es sind unterschiedliche, aber die Bauform ist gleich)

Original 28er Rundschiebervergaser, mechanisch betätigt, mit Beschleunigerpumpe

Leistung am Hinterrad F2, bei gut eingestellter Testmaschine: 52 PS

CR-Rennvergaser

31 und 33 mm Rundschiebervergaser, ohne Beschleunigerpumpe, schwer abzustimmen

Mikuni TMR-Vergaser

32er rollengelagerter Flachschiebervergaser, mit einstellbarer Beschleunigerpumpe und vielen technischen Finessen.

 

 

 

 

CB 750 Four F2 mit Original-Vergaser

 

CB 750 Four F2 mit Mikuni TMR-32 Vergaser

 

CB 750 Four-Motor 888 ccm mit Mikuni TMR-32 Vergaser, obere Linie.

CB 750 Four-Motor 888 ccm mit CR-31 Vergaser, untere Linie.

 

Bei den Keihin CR-Vergasern hat man gut 10% mehr Leistung, wenn man sie eingestellt bekommt, was fast nur auf dem Leistungsprüfstand möglich ist, oder mit mehreren Wochen Urlaub verbunden ist. Die Vergaser werden nicht voreingestellt ausgeliefert, was extreme Einstellarbeiten erforderlich macht  -  Bestimmung der Hauptdüse, der Düsennadel, der Düsennadelstellung, Einstellung der Gemischschraube, lange oder kurze Trichter usw. …

Das grundsätzliche Problem dieses Vergasers ist, dass sie, wie auch aufgedruckt, eigentlich nur für die Rennstrecke geeignet sind und selbst da zicken sie noch rum. Sie besitzen keine Beschleunigerpumpe und kein sehr gutes Leerlaufsystem, wodurch sie im Leerlauf- und Übergangsbereich sehr fett laufen müssen, um Beschleunigungslöcher ausgleichen zu können. Auf der Rennstrecke nicht so das Problem, wenn man auf schnellen Dauervollgasstrecken unterwegs ist, aber wo gibt es so was noch, und erst recht nicht im normalen Straßenverkehr. Nach 4-5 km Stadtverkehr oder gemäßigtem Landstraßenkolonnentempo sind die Kerzen dicht und die Fuhre ist nur noch am Stottern. Hinzu kommt noch ein unnötig hoher Verbrauch. Wenn man sie magerer stellt, fehlt die Leistung und die Fahrbarkeit. Weiterer Nachteil, die Vergaser werden immer nur mit schwarzen Plastikansaugtrichtern ausgeliefert und können nur offen gefahren werden, was eine Eintragung nicht gerade einfacher macht.

Daher der Wechsel zu Mikuni 32er TMR-Vergasern. Diese Vergaser werden auf den jeweiligen Motorradtyp voreingestellt ausgeliefert, mit einem zusätzlichen Düsensatz zum Spielen, der aber meist nicht benötigt wird. Man kann wählen zwischen offenen, polierten Aluminium-Ansaugtrichtern, Adaptern für K&N Sportluftfiltern oder Adaptern für originale Luftfilterkästen.

Ein vorab überzeugendes Argument für den Kauf war für mich der Prüfstandslauf mit der originalen F2, bei der nur durch den Vergaserwechsel eine Mehrleistung von gut 8 PS zustande kam und ein wesentlich besseres Ansprechverhalten zu beobachten war. Ich tauschte die 31er CR-Vergaser meiner getunten RAU 750 Four gegen die TMR-Vergaser aus, wodurch sich die bisher schon stattliche Pferdeherde von 91 Tieren auf 93 Recken erhöhte. Gut, 2 PS sind nicht die Welt (wohlgemerkt beim Wechsel von CR auf Mikuni), aber das Interessante daran war zudem noch das gesteigerte Drehmoment auf 84 Nm bei 6800 U/min. Die maximale Leistung lag schon bei 8500 U/min an. Die Beschleunigerpumpe machte sich im Ansprechverhalten sehr positiv bemerkbar. Der Motor spricht schon 500 U/min früher auf Volllast an, als bei den CR-Vergasern ohne Pumpe.

Der Fahrtest überzeugte mich dann vollständig.

Anlassen bei kaltem Motor: Choke ziehen à Motor springt sofort an und läuft selbständig mit erhöhtem Standgas sauber vor sich hin (mit CR unmöglich!).

Bei der Probefahrt macht sich der unwahrscheinlich leichtgängige und super dosierbare Gasgriff bemerkbar, was auf die rollengelagerten Gasschieber und Gasschieberhebel zurückzuführen ist. Das Motorrad ist viel fahrbarer geworden und auch sparsamer im Spritverbrauch (ca. 2 Liter weniger), was wohl durch den neuen verwirbelungsfreien Luftdurchsatz und die sehr feine Zerstäubung des Kraftstoffes im Venturi begründet ist.

Die Beschleunigerpumpe ist stufenlos einstellbar und kann an die einzelnen Einsatzzwecke angepasst werden. Die Synchronisation ist durch die Exzenterverstellung ein Kinderspiel.

Kein Ruckeln und Stottern mehr bei untertourigen Fahrstrecken, keine Abstimmungsorgien mehr, saubere Gasannahme in jeder Fahrsituation, geringerer Spritverbrauch, Wartungsfreundlichkeit und ein seidenweicher Motorlauf bei noch mehr Leistung, Top-Optik und zulassungstechnisch auch nicht mehr so das Problem.

 

Meine Entscheidung steht fest, ich bin vollauf überzeugt und freue mich auf jeden weiteren Kilometer mit meinen Mikunis.

Ralph-Peter Nagel